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Risiken der Polypharmazie

Fünf oder mehr Medikamente täglich – das ist für viele ältere Menschen in Deutschland längst Alltag. Die gleichzeitige Einnahme mehrerer Präparate wird in der Medizin als Polypharmazie bezeichnet. Sie ist oft unvermeidlich, denn wer mehrere chronische Erkrankungen hat, braucht in der Regel auch mehrere Wirkstoffe. Doch je mehr Medikamente zusammenkommen, desto komplexer wird das Zusammenspiel – und desto größer werden die Risiken. Ein aufmerksamer Hausarzt oder Internist kann helfen, diese Risiken im Blick zu behalten und rechtzeitig gegenzusteuern.

Was bedeutet Polypharmazie genau?

In der Medizin spricht man von Polypharmazie, wenn ein Patient dauerhaft fünf oder mehr verschiedene Medikamente einnimmt. Manche Definitionen setzen die Grenze bei vier, andere erst bei zehn Präparaten. Entscheidend ist aber weniger die genaue Zahl als vielmehr die Frage, ob jedes einzelne Medikament wirklich notwendig ist – und ob die Kombination sicher ist.

Polypharmazie ist kein seltenes Phänomen. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Menschen ab 65 Jahren täglich fünf oder mehr Medikamente einnimmt. Bei Menschen über 80 ist es häufig deutlich mehr. Das liegt daran, dass im Alter mehrere Erkrankungen gleichzeitig auftreten – Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen, Gelenkprobleme oder Schlafstörungen, um nur einige zu nennen. Jede dieser Erkrankungen wird in der Regel medikamentös behandelt, und so summieren sich die Präparate schnell.

Wie entstehen Wechselwirkungen?

Das menschliche Stoffwechselsystem ist komplex. Medikamente werden im Körper aufgenommen, umgewandelt und wieder ausgeschieden – und dabei beeinflussen sie sich gegenseitig. Manche Wirkstoffe beschleunigen den Abbau anderer Medikamente, sodass diese nicht mehr ausreichend wirken. Andere verlangsamen den Abbau, was zu einer ungewollten Überdosierung führen kann.

Besonders kritische Wechselwirkungen entstehen häufig bei:

  • Blutverdünner wie Marcumar oder die neueren oralen Antikoagulanzien, die mit vielen anderen Mitteln interagieren
  • Herzmedikamenten, insbesondere Betablockern und Kalziumantagonisten
  • Schmerzmitteln, vor allem nicht-steroidalen Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac
  • Antibiotika, die bestimmte Leberenzyme hemmen und dadurch andere Wirkspiegel verändern
  • Pflanzlichen Präparaten wie Johanniskraut, das den Abbau vieler Medikamente erheblich beschleunigt

Das Tückische: Nicht alle Wechselwirkungen sind sofort spürbar. Manche zeigen sich erst nach Wochen oder schleichend als neue Symptome, die dann fälschlicherweise als neue Erkrankung eingestuft – und mit einem weiteren Medikament behandelt werden.

Wenn Nebenwirkungen zur Spirale werden

Genau das ist ein bekanntes Problem in der Geriatrie: die sogenannte Verordnungskaskade. Ein Medikament verursacht eine Nebenwirkung. Diese Nebenwirkung wird als neues Symptom gedeutet. Ein weiteres Medikament wird verschrieben – das seinerseits Nebenwirkungen haben kann. So entsteht eine Spirale, die sich schwer durchbrechen lässt, wenn niemand das Gesamtbild im Blick hat.

Ein einfaches Beispiel: Ein Blutdruckmittel verursacht Knöchelödeme. Der Patient bekommt daraufhin ein Entwässerungsmittel. Dieses führt zu einem Kaliumverlust. Dagegen wird Kalium verschrieben – und so weiter. Wer an dieser Stelle nicht innehält und die ursprüngliche Ursache hinterfragt, behandelt am Ende vor allem die Behandlung.

Die besondere Verantwortung des Hausarztes

In der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin ist der Hausarzt die zentrale Figur im Umgang mit Polypharmazie. Er ist oft der einzige Arzt, der alle Verordnungen kennt – oder kennen sollte. Fachärzte verordnen innerhalb ihres Spezialgebiets, haben aber nicht immer den vollständigen Überblick über die gesamte Medikation eines Patienten.

Deshalb ist es so wichtig, beim Hausarzt einen vollständigen und aktuellen Medikamentenplan zu führen. Dieser Plan sollte bei jedem Termin vorgelegt und regelmäßig überprüft werden – insbesondere dann, wenn ein neues Medikament hinzukommt oder ein Facharzttermin stattgefunden hat. Ein erfahrener Internist kann anhand der Gesamtliste erkennen, welche Kombinationen problematisch sein könnten, und gegebenenfalls Rücksprache mit den behandelnden Spezialisten halten.

Was kann man selbst tun?

Patienten sind nicht machtlos. Wer aktiv an der eigenen Medikationssicherheit mitwirkt, kann das Risiko von Wechselwirkungen und unnötigen Nebenwirkungen deutlich senken. Ein paar einfache Maßnahmen helfen dabei:

  • Immer einen aktuellen Medikamentenplan dabei haben – bei jedem Arztbesuch, in der Apotheke und im Notfall
  • Beim Arzt nachfragen, wenn ein neues Medikament verschrieben wird: „Verträgt sich das mit meinen anderen Mitteln?“
  • Rezeptfreie Präparate, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Mittel ebenfalls im Plan aufführen
  • Neue Symptome nicht einfach hinnehmen, sondern hinterfragen: „Könnte das eine Nebenwirkung sein?“
  • Regelmäßige Medikationsüberprüfung beim Hausarzt einfordern – vor allem nach Krankenhausaufenthalten

Gerade nach einem stationären Aufenthalt verändert sich die Medikation oft erheblich. Manche Mittel werden abgesetzt, neue kommen hinzu. Ohne eine gezielte Nachbesprechung beim Hausarzt geht in diesem Übergang schnell etwas verloren.

Weniger kann mehr sein

Ein Ziel der modernen Geriatrie und Allgemeinmedizin ist das sogenannte Deprescribing – also das gezielte Absetzen von Medikamenten, die nicht mehr notwendig oder sogar schädlich sind. Das klingt simpel, erfordert in der Praxis aber Mut und Erfahrung. Denn viele Medikamente wurden vor Jahren verschrieben und seitdem nie hinterfragt. Manche sind mittlerweile überholt, andere wurden für eine Situation verordnet, die längst nicht mehr besteht.

Studien zeigen, dass das gezielte Reduzieren der Medikamentenzahl bei älteren Patienten die Lebensqualität verbessern und das Sturzrisiko senken kann. Wer weniger Nebenwirkungen hat, fühlt sich besser – und nimmt seine verbleibenden Medikamente zuverlässiger ein. Ein regelmäßiger Gesundheitscheck bietet eine gute Gelegenheit, die eigene Medikation kritisch zu überdenken und gemeinsam mit dem Arzt zu bereinigen.