Konzepte der Schmerztherapie
Schmerz ist das häufigste Symptom, mit dem Menschen einen Arzt aufsuchen. Er ist Warnsignal, Begleiter chronischer Erkrankungen und manchmal eine eigenständige Krankheit. Doch so alltäglich Schmerz auch ist – seine Behandlung ist komplex und erfordert mehr als das bloße Verschreiben eines Schmerzmittels. Moderne Schmerztherapie denkt in Konzepten: Sie unterscheidet zwischen akutem und chronischem Schmerz, berücksichtigt körperliche, psychische und soziale Faktoren und setzt auf eine Kombination verschiedener Maßnahmen. In der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin ist der Hausarzt dabei oft die erste und wichtigste Anlaufstelle – derjenige, der entscheidet, was als Nächstes zu tun ist.
Akuter und chronischer Schmerz – ein grundlegender Unterschied
Nicht jeder Schmerz ist gleich. Der erste und wichtigste Schritt in der Schmerztherapie ist deshalb die Unterscheidung zwischen akutem und chronischem Schmerz – denn beide folgen unterschiedlichen Mechanismen und erfordern unterschiedliche Behandlungsansätze.
Akuter Schmerz ist ein Warnsignal. Er entsteht als direkte Reaktion auf eine Gewebeschädigung – ein Sturz, eine Entzündung, eine frische Verletzung. Er hat eine klare Ursache, eine absehbare Dauer und klingt in der Regel ab, wenn die Ursache behoben ist. Akuter Schmerz wird primär medikamentös behandelt, oft mit nicht-steroidalen Antirheumatika, Paracetamol oder – bei starken Schmerzen – mit Opioiden.
Chronischer Schmerz ist etwas anderes. Er besteht länger als drei Monate, oft ohne klar erkennbare oder behebbare Ursache. Das Nervensystem hat sich verändert, Schmerzsignale werden anders verarbeitet, und psychische Faktoren wie Angst, Depression oder Schlafmangel spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Chronischer Schmerz ist eine eigene Erkrankung – und muss als solche behandelt werden.
Das WHO-Stufenschema – ein bewährter Rahmen
Für die medikamentöse Schmerztherapie hat die Weltgesundheitsorganisation ein dreistufiges Schema entwickelt, das ursprünglich für die Tumorschmerztherapie entwickelt wurde, aber weit darüber hinaus Anwendung findet:
- Stufe 1 – Nicht-Opioid-Analgetika: Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac und andere nicht-steroidale Antirheumatika. Wirksam bei leichten bis mittelschweren Schmerzen, aber nicht ohne Risiken – besonders für Magen, Niere und Herz-Kreislauf-System bei Dauertherapie
- Stufe 2 – Schwache Opioide: Tramadol oder Tilidin bei mittelschweren Schmerzen, wenn Stufe 1 nicht ausreicht. Beide haben Nebenwirkungen, vor allem Übelkeit und Schwindel, die oft die Einnahme erschweren
- Stufe 3 – Starke Opioide: Morphin, Oxycodon, Hydromorphon oder Fentanyl bei starken Schmerzen. Gut wirksam, aber mit einem klaren Risikoprofil – regelmäßige Kontrolle durch den Hausarzt oder Internisten ist unverzichtbar
Ergänzend können auf jeder Stufe sogenannte Koanalgetika eingesetzt werden – Medikamente, die ursprünglich nicht als Schmerzmittel entwickelt wurden, aber schmerzlindernde Wirkung haben. Dazu gehören bestimmte Antidepressiva, Antiepileptika und Muskelrelaxanzien.
Multimodaler Ansatz – mehr als nur Tabletten
Moderne Schmerztherapie beschränkt sich nicht auf Medikamente. Gerade bei chronischen Schmerzen ist ein multimodaler Ansatz Standard – das bedeutet: verschiedene Behandlungsformen werden kombiniert, um unterschiedliche Aspekte des Schmerzes gleichzeitig anzugehen.
Physiotherapie und Bewegungstherapie spielen eine zentrale Rolle. Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Schmerzschwelle erhöhen, Muskeln kräftigen und das allgemeine Wohlbefinden verbessern. Das fühlt sich für viele Schmerzpatienten zunächst kontraintuitiv an – Bewegung bei Schmerz? Aber die Evidenz ist klar: Körperliche Aktivität ist bei den meisten chronischen Schmerzerkrankungen ein wirksames Therapiemittel.
Psychologische Verfahren ergänzen die körperlichen Maßnahmen. Kognitive Verhaltenstherapie hilft Patienten, ihre Gedanken und Verhaltensweisen rund um den Schmerz zu verändern – Katastrophisieren zu reduzieren, Vermeidungsverhalten abzubauen und aktive Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Achtsamkeitsbasierte Ansätze können zusätzlich helfen, die Aufmerksamkeit vom Schmerz zu lösen und die emotionale Reaktion darauf zu mildern.
Interventionelle Verfahren bei bestimmten Schmerzformen
Bei bestimmten Schmerzformen kommen auch interventionelle Verfahren zum Einsatz. Nervenblockaden, Infiltrationen oder spezielle Injektionen können gezielt dort wirken, wo der Schmerz entsteht – und dabei systemische Nebenwirkungen von Medikamenten reduzieren.
Diese Verfahren sind nicht für jeden Patienten geeignet und erfordern eine sorgfältige Indikationsstellung. Sie werden in der Regel von Schmerztherapeuten oder Anästhesisten durchgeführt – aber der Hausarzt oder Internist ist es, der die Überweisung ausstellt und den weiteren Verlauf begleitet.
Schmerztherapie in der hausärztlichen Praxis
In der Hausarztpraxis findet ein Großteil der Schmerztherapie statt – und das zu Recht. Der Hausarzt kennt den Patienten, seine Vorgeschichte, seine Medikamentenliste und seine persönliche Situation. Er kann einschätzen, welche Therapie realistisch ist, welche Nebenwirkungen zu erwarten sind und wann eine Überweisung sinnvoll ist.
Regelmäßige Laboruntersuchungen gehören bei Patienten unter Dauerschmerztherapie dazu. Wer langfristig nicht-steroidale Antirheumatika einnimmt, braucht Kontrollen der Nierenwerte und des Blutbildes. Wer Opioide erhält, sollte engmaschig auf Wirksamkeit, Nebenwirkungen und mögliche Abhängigkeitsentwicklung kontrolliert werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt: die Dokumentation. Schmerzintensität, eingesetzte Medikamente, Therapieverlauf und Nebenwirkungen müssen sorgfältig festgehalten werden – nicht nur für die eigene Praxis, sondern auch für die Kommunikation mit Spezialisten und anderen behandelnden Ärzten.
Wenn Spezialisten gefragt sind
Nicht jeder chronische Schmerz lässt sich in der Hausarztpraxis vollständig behandeln. Wer trotz konsequenter Therapie keine ausreichende Schmerzlinderung erreicht, profitiert möglicherweise von einer multidisziplinären Schmerzkonferenz oder einem stationären Schmerztherapieprogramm. Spezialisierte Schmerzzentren bieten intensive, koordinierte Behandlungsprogramme an, die alle Dimensionen des chronischen Schmerzes gleichzeitig adressieren.
Der Hausarzt bleibt dabei der Koordinator – derjenige, der nach der Spezialistenkonsultation die Ergebnisse in die langfristige Betreuung integriert und sicherstellt, dass der Patient nicht zwischen den Stühlen verschiedener Fachgebiete verloren geht. Schmerztherapie ist ein langer Weg – aber einer, der sich lohnt.




