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Geriatrische Betreuung

Älter werden bedeutet nicht automatisch krank sein. Aber es bedeutet, dass der Körper sich verändert – langsamer regeneriert, empfindlicher auf Medikamente reagiert, anfälliger für bestimmte Erkrankungen wird. Wer Menschen in diesem Lebensabschnitt gut begleiten will, braucht mehr als medizinisches Fachwissen über Einzelerkrankungen. Er braucht einen Blick für das Ganze: für körperliche, geistige und soziale Gesundheit gleichermaßen. Genau das ist der Kern geriatrischer Betreuung – eine Medizin, die den alten Menschen nicht als Summe seiner Diagnosen sieht, sondern als Person mit einer Geschichte, Stärken und individuellen Bedürfnissen. In der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin spielt diese Perspektive eine immer wichtigere Rolle.

Was ist Geriatrie und wer braucht sie?

Geriatrie ist die Medizin des alten Menschen – genauer gesagt: die Medizin des alten, häufig multimorbiden und funktionell eingeschränkten Menschen. Sie ist keine eigenständige Erkrankung, sondern eine Herangehensweise, die die besonderen Bedürfnisse älterer Patienten in den Mittelpunkt stellt.

In Deutschland gilt medizinisch als geriatrischer Patient, wer typischerweise über 70 Jahre alt ist und gleichzeitig mehrere chronische Erkrankungen hat sowie Einschränkungen in seiner Alltagsfunktion zeigt. Das kann körperliche Einschränkungen betreffen – Gehprobleme, Stürze, Inkontinenz – aber auch geistige Veränderungen wie beginnende Demenz oder depressive Verstimmungen.

Der Hausarzt ist für viele ältere Menschen die erste und wichtigste Anlaufstelle. Er kennt die Krankengeschichte, das soziale Umfeld und die persönliche Situation. In der hausärztlichen Inneren Medizin oder Allgemeinmedizin findet ein Großteil der geriatrischen Grundversorgung statt – nicht in spezialisierten Kliniken, sondern in der Praxis des Vertrauens.

Typische Herausforderungen im Alter

Mit zunehmendem Alter treten bestimmte medizinische und funktionelle Probleme gehäuft auf. Wer sie kennt, kann früher reagieren und Schlimmeres verhindern. Zu den häufigsten Herausforderungen in der Geriatrie gehören:

  • Stürze und Sturzgefahr: Eine der häufigsten Ursachen für Krankenhauseinweisungen bei älteren Menschen – oft ausgelöst durch Medikamentennebenwirkungen, Gleichgewichtsprobleme oder Muskelschwäche
  • Kognitive Veränderungen: Von leichter Vergesslichkeit bis zur manifesten Demenz – frühes Erkennen ermöglicht bessere Planung und Unterstützung
  • Mangelernährung und Gewichtsverlust: Häufig übersehen, aber mit ernsthaften Folgen für Immunsystem, Wundheilung und Muskelkraft
  • Polypharmazie: Viele Medikamente, viele Wechselwirkungen – die Medikamentenliste älterer Patienten muss regelmäßig überprüft werden
  • Soziale Isolation: Einsamkeit ist ein eigenständiger Risikofaktor für körperliche und geistige Erkrankungen

Diese Probleme lassen sich nicht isoliert behandeln. Sie hängen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Ein Sturz kann zu Immobilität führen, Immobilität zu Einsamkeit, Einsamkeit zu Depression – und Depression zu weiterer körperlicher Verschlechterung. Wer diesen Teufelskreis früh erkennt, kann ihn unterbrechen.

Das geriatrische Assessment

Ein wichtiges Instrument der geriatrischen Betreuung ist das sogenannte geriatrische Assessment – eine strukturierte Beurteilung der funktionellen, kognitiven und sozialen Situation des Patienten. Es geht dabei nicht nur darum, was der Patient hat, sondern was er kann und was er braucht.

Typische Bereiche, die im Assessment erfasst werden: Mobilität und Gleichgewicht, kognitive Leistungsfähigkeit, Ernährungszustand, emotionale Verfassung, soziale Situation und häusliche Versorgungssituation. Diese Informationen fließen in einen individuellen Behandlungsplan ein, der weit über Medikamentenverordnungen hinausgeht.

Laboruntersuchungen spielen dabei eine ergänzende Rolle. Mangelzustände wie Vitamin-D-Mangel, Eisenmangel oder Schilddrüsenstörungen sind bei älteren Menschen häufig und beeinflussen Mobilität, Stimmung und kognitive Funktion. Regelmäßige Laborwerte helfen, solche Defizite frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Medikamentenmanagement im Alter

Mit zunehmendem Alter verändert sich der Stoffwechsel. Medikamente werden langsamer abgebaut, die Nierenfunktion nimmt ab, das Körpergewicht und die Körperzusammensetzung ändern sich. All das beeinflusst, wie Medikamente wirken – und wie hoch das Risiko für Nebenwirkungen ist.

In der Geriatrie ist das Medikamentenmanagement deshalb besonders kritisch. Der Hausarzt oder Internist muss regelmäßig prüfen, ob alle verordneten Medikamente noch notwendig sind, ob die Dosierung angepasst werden muss und ob Wechselwirkungen bestehen. Sogenannte PRISCUS-Liste oder FORTA-Klassifikation helfen dabei, potenziell ungeeignete Medikamente für ältere Patienten zu identifizieren.

Das gezielte Absetzen von Medikamenten – Deprescribing – ist in der Geriatrie genauso wichtig wie das Verschreiben. Wer einen 80-jährigen Patienten von drei unnötigen Medikamenten befreit, verbessert oft seine Lebensqualität und reduziert das Sturzrisiko spürbar.

Häusliche Versorgung und soziales Umfeld

Geriatrische Betreuung endet nicht in der Praxis. Das häusliche Umfeld eines älteren Patienten ist medizinisch hochrelevant. Wer allein lebt, keine Angehörigen in der Nähe hat oder in einer schlecht zugänglichen Wohnung lebt, hat ein deutlich höheres Risiko für Komplikationen und Krankenhauseinweisungen.

Der Hausarzt hat in vielen Fällen die Möglichkeit, Hausbesuche durchzuführen – und damit das häusliche Umfeld direkt kennenzulernen. Ein Teppich, über den der Patient stolpern könnte, fehlende Haltegriffe im Bad, eine übervolle Medikamentenschachtel ohne System – solche Beobachtungen sind medizinisch wertvoll und ermöglichen gezielte Empfehlungen.

Die Zusammenarbeit mit Pflegediensten, Sozialdiensten und Angehörigen ist ein weiterer wichtiger Baustein der geriatrischen Betreuung. Wer als Arzt weiß, dass ein Patient gut versorgt ist und regelmäßig Unterstützung bekommt, kann seine medizinische Arbeit darauf abstimmen. Vorsorgeuntersuchungen und regelmäßige Kontrolltermine bleiben dabei das Fundament – sie geben Orientierung, schaffen Verbindlichkeit und sichern die Kontinuität in einer Lebensphase, die oft von Veränderungen geprägt ist.

Geriatrische Betreuung ist Medizin mit Weitblick. Wer alte Menschen gut behandelt, denkt nicht nur an die nächste Tablette, sondern an das nächste Jahr – und an ein Leben, das trotz Einschränkungen lebenswert bleibt.