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Behandlung von Multimorbidität

Viele Menschen leben heute nicht nur mit einer, sondern mit mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig. Bluthochdruck und Diabetes, Herzinsuffizienz und Nierenerkrankung, Arthrose und Depression – solche Kombinationen sind im höheren Lebensalter eher die Regel als die Ausnahme. Dieses Phänomen nennt sich Multimorbidität, und es stellt die Medizin vor besondere Herausforderungen. Denn wer mehrere Erkrankungen gleichzeitig behandelt, kann nicht einfach für jede einzeln die Leitlinie befolgen – er muss das Gesamtbild im Blick behalten. Genau das ist die Kernaufgabe des Hausarztes und Internisten in der täglichen Patientenversorgung.

Was bedeutet Multimorbidität?

Multimorbidität bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von mindestens zwei chronischen Erkrankungen bei einer Person. Dabei geht es nicht um vorübergehende Beschwerden, sondern um Erkrankungen, die dauerhaft bestehen und regelmäßige Behandlung erfordern. Ab dem 65. Lebensjahr ist Multimorbidität weitverbreitet – Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der über 65-Jährigen in Deutschland von mindestens zwei chronischen Erkrankungen betroffen ist.

Häufige Kombinationen sind Bluthochdruck mit Diabetes, koronare Herzkrankheit mit Herzinsuffizienz, chronische Nierenerkrankung mit Diabetes oder Gelenkerkrankungen kombiniert mit Herz-Kreislauf-Problemen. Hinzu kommen oft psychische Erkrankungen wie Depressionen, die die körperlichen Beschwerden verstärken und die Behandlungstreue erschweren.

Die Behandlung von Multimorbidität ist komplex – nicht weil die einzelnen Erkrankungen schwer zu behandeln wären, sondern weil ihre Kombination neue Herausforderungen schafft. Medikamente interagieren, Therapieempfehlungen widersprechen sich, und der Patient steht im Mittelpunkt eines Systems, das auf Einzelerkrankungen ausgerichtet ist.

Warum Leitlinien an ihre Grenzen stoßen

Medizinische Leitlinien sind Orientierungshilfen, die auf der besten verfügbaren Evidenz basieren. Sie werden jedoch in der Regel für einzelne Erkrankungen entwickelt – nicht für Patienten mit fünf gleichzeitigen Diagnosen. Wer alle Leitlinienempfehlungen für einen multimorbiden Patienten gleichzeitig umsetzen wollte, würde in manchen Fällen mit einem Dutzend Medikamenten enden – von denen einige miteinander in Konflikt stehen.

Ein klassisches Beispiel: Für die Behandlung von Bluthochdruck empfehlen Leitlinien bestimmte Medikamente, die gleichzeitig für Nierenpatienten problematisch sein können. Schmerzmittel, die bei Arthrose helfen, können den Blutdruck erhöhen und die Nieren belasten. Diuretika, die bei Herzinsuffizienz eingesetzt werden, können den Blutzucker beeinflussen. All diese Wechselwirkungen muss der behandelnde Arzt kennen und abwägen.

Die Rolle des Hausarztes bei der Behandlung

In der Versorgung multimorbider Patienten kommt dem Hausarzt eine Schlüsselrolle zu. Er ist in der Regel die zentrale Anlaufstelle – der einzige Arzt, der alle Erkrankungen, alle Medikamente und die persönliche Lebenssituation des Patienten kennt. In der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin ist diese koordinierende Funktion unverzichtbar.

Der Hausarzt oder Internist muss dabei permanent zwischen den Anforderungen der einzelnen Fachgebiete vermitteln. Er empfängt die Arztbriefe der Spezialisten, bewertet deren Empfehlungen im Gesamtkontext, erkennt Widersprüche und sorgt dafür, dass die Therapie für den Patienten als Ganzes stimmig ist. Das erfordert nicht nur medizinisches Fachwissen, sondern auch kommunikative Kompetenz und die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.

Individuelle Therapieziele gemeinsam festlegen

Bei multimorbiden Patienten ist die Frage „Was wollen wir eigentlich erreichen?“ besonders wichtig. Wer bei einem 85-Jährigen mit fünf chronischen Erkrankungen alle Blutwerte auf Idealwerte trimmen will, handelt möglicherweise nicht im besten Interesse des Patienten. Manchmal ist Lebensqualität wichtiger als perfekte Laborwerte.

Individuelle Therapieziele berücksichtigen daher:

  • Lebensalter und Lebenserwartung: Was ist in der verbleibenden Zeit realistisch erreichbar?
  • Persönliche Prioritäten: Was ist dem Patienten selbst am wichtigsten – Schmerzfreiheit, Mobilität, Unabhängigkeit?
  • Belastbarkeit: Wie viele Medikamente und Termine kann und will der Patient bewältigen?
  • Funktionserhalt: Welche Maßnahmen helfen, die Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten?

Diese Ziele können sich im Laufe der Zeit ändern – und sollten deshalb regelmäßig, zum Beispiel beim Gesundheitscheck oder einem Kontrolltermin, gemeinsam überprüft werden.

Praktische Herausforderungen im Alltag

Multimorbidität bringt im Praxisalltag eine Reihe ganz konkreter Herausforderungen mit sich. Termine dauern länger, weil mehr besprochen werden muss. Die Medikamentenliste ist umfangreich und muss regelmäßig auf Aktualität und Wechselwirkungen geprüft werden. Laboruntersuchungen werden häufiger notwendig, um die verschiedenen Erkrankungen im Blick zu behalten – Nierenwerte, Blutzucker, Blutbild, Schilddrüse.

Hinzu kommt die Koordination mit den Fachärzten. Ein multimorbider Patient hat oft mehrere Spezialisten: Kardiologen, Nephrologen, Rheumatologen, manchmal auch Neurologen oder Psychiater. Jeder dieser Ärzte behandelt aus seiner Perspektive – und der Hausarzt muss sicherstellen, dass das Gesamtbild stimmig bleibt.

Unterstützung durch strukturierte Programme

Für bestimmte Erkrankungskombinationen gibt es strukturierte Betreuungsprogramme – die sogenannten Disease-Management-Programme oder DMP. Sie sind für Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, koronare Herzkrankheit, Asthma und COPD verfügbar und bieten klare Strukturen für regelmäßige Kontrollen, definierte Therapieziele und eine systematische Dokumentation.

Multimorbide Patienten können in mehreren DMP gleichzeitig eingeschrieben sein – was einerseits Struktur schafft, andererseits die Komplexität weiter erhöht. Auch hier braucht es den koordinierenden Hausarzt, der das Zusammenspiel der verschiedenen Programme überblickt.

Wer als Patient an mehreren chronischen Erkrankungen leidet, sollte Vorsorgeuntersuchungen konsequent wahrnehmen und seinen Arzt offen über alle Beschwerden, Medikamente und Veränderungen informieren. Multimorbidität lässt sich nicht heilen – aber mit der richtigen Betreuung gut managen. Und das beginnt mit einem Arzt, der den ganzen Menschen sieht.