Erstellung von Arztbriefen
Wenn Ärzte miteinander kommunizieren, geschieht das meistens schriftlich – und zwar in Form des Arztbriefs. Er begleitet den Patienten von der Hausarztpraxis zum Spezialisten, vom Krankenhaus zurück in die ambulante Versorgung und überall dorthin, wo eine medizinische Übergabe stattfindet. Ein gut geschriebener Arztbrief kann die Weichen für die weitere Behandlung stellen. Ein schlechter – lückenhaft, verspätet oder unverständlich – kann im schlimmsten Fall zu Fehlentscheidungen führen. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen, was einen guten Arztbrief ausmacht.
Was ist ein Arztbrief und wozu dient er?
Der Arztbrief ist ein medizinisches Dokument, das den Behandlungsverlauf eines Patienten zusammenfasst und an den nächsten behandelnden Arzt weitergibt. Er stellt sicher, dass keine wichtigen Informationen verloren gehen, wenn ein Patient die Versorgungsebene wechselt – etwa von der Praxis ins Krankenhaus oder vom Spezialisten zurück zum Hausarzt.
In der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin ist der Arztbrief ein tägliches Arbeitsmittel. Überweisungen gehen hinaus, Entlassbriefe kommen herein, Befundberichte werden weitergeleitet. Wer als Hausarzt oder Internist den Überblick behalten will, ist auf gut strukturierte, vollständige Briefe angewiesen. Denn er trägt am Ende die Verantwortung für die Gesamtbehandlung – auch wenn einzelne Maßnahmen von Spezialisten durchgeführt wurden.
Rechtlich gesehen ist der Arztbrief Teil der Patientendokumentation und unterliegt denselben Aufbewahrungspflichten wie andere medizinische Unterlagen. Er muss mindestens zehn Jahre aufbewahrt werden und darf ohne Zustimmung des Patienten nicht an Unbefugte weitergegeben werden.
Welche Bestandteile gehören in einen Arztbrief?
Ein vollständiger Arztbrief folgt einer klaren Struktur. Diese kann je nach Fachgebiet und Anlass variieren, enthält aber in der Regel folgende Elemente:
- Briefkopf: Absender, Empfänger, Datum und Patientendaten inklusive Geburtsdatum und Versichertennummer
- Diagnosen: Haupt- und Nebendiagnosen, möglichst mit ICD-Codierung
- Anamnese: Kurze Zusammenfassung der Krankengeschichte und des aktuellen Vorstellungsgrunds
- Befunde: Ergebnisse der körperlichen Untersuchung sowie aller durchgeführten Untersuchungen – EKG, Laboruntersuchung, Sonographie, Lungenfunktionstest oder andere
- Therapie: Welche Behandlung wurde eingeleitet, welche Medikamente wurden verschrieben oder geändert?
- Epikrise: Kurze ärztliche Bewertung des Verlaufs und der aktuellen Situation
- Weiteres Prozedere: Was soll als Nächstes passieren – Kontrolltermin, weitere Diagnostik, Überweisung?
Diese Struktur hilft dem Empfänger, schnell die wichtigsten Informationen zu finden. Ein Arztbrief, der gut gegliedert ist, wird gelesen – einer, der wie ein unstrukturierter Fließtext wirkt, wird im schlechtesten Fall überflogen.
Sprache und Verständlichkeit im Arztbrief
Arztbriefe werden traditionell in medizinischer Fachsprache verfasst – lateinische Begriffe, Abkürzungen, komprimierte Formulierungen. Das ist unter Ärzten effizient, für Patienten aber oft unverständlich. Dabei haben Patienten das Recht, ihren Arztbrief einzusehen und zu erhalten.
In der Praxis bedeutet das: Ein guter Arztbrief sollte fachlich präzise, aber nicht unnötig kryptisch sein. Abkürzungen, die nicht allgemein bekannt sind, sollten erläutert werden. Befunde sollten nicht nur aufgelistet, sondern kurz eingeordnet werden – was ist auffällig, was ist unauffällig, was ist im Vergleich zum Vorbefund verändert?
Gerade bei komplexen Patienten mit mehreren Erkrankungen ist Klarheit besonders wichtig. Wer einen Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankung übernimmt, braucht einen Brief, der die wesentlichen Punkte auf den ersten Blick sichtbar macht – nicht einen, bei dem die entscheidende Information irgendwo in Absatz 4 versteckt ist.
Einweisungsbrief und Entlassbrief – zwei Seiten derselben Medaille
Im klinischen Alltag gibt es zwei besonders wichtige Arztbriefarten: den Einweisungsbrief und den Entlassbrief. Beide markieren Schnittstellen im Behandlungsprozess – und beide sind besonders fehleranfällig.
Der Einweisungsbrief wird vom Hausarzt oder überweisenden Arzt erstellt, wenn ein Patient stationär aufgenommen werden soll. Er enthält die Grundinformationen, die das Krankenhaus braucht, um sofort handeln zu können: aktuelle Diagnosen, Medikamentenliste, relevante Vorerkrankungen und der Grund der Einweisung. Ein vollständiger Einweisungsbrief erspart dem Patienten, im Aufnahmegespräch alles von vorn erklären zu müssen – und dem Krankenhauspersonal, im Notfall auf unvollständige Informationen angewiesen zu sein.
Der Entlassbrief als Übergabedokument
Der Entlassbrief ist das Gegenstück: Er wird vom Krankenhaus erstellt und an den weiterbehandelnden Arzt geschickt. Idealerweise liegt er dem Patienten bereits beim Verlassen der Klinik vor – in der Praxis kommt er jedoch oft erst Tage später. Das ist ein bekanntes Problem, das die Nachsorge erschwert.
Ein guter Entlassbrief fasst zusammen, was während des Krankenhausaufenthalts passiert ist, welche Diagnosen gestellt wurden, welche Eingriffe vorgenommen wurden und wie die Medikation bei Entlassung aussieht. Besonders wichtig: Änderungen in der Medikation müssen klar hervorgehoben werden. Wenn ein Medikament abgesetzt oder durch ein anderes ersetzt wurde, muss das auf den ersten Blick erkennbar sein – nicht irgendwo im Fließtext.
Digitale Übermittlung und die Zukunft des Arztbriefs
Das Fax hat im deutschen Gesundheitswesen eine erstaunlich lange Haltbarkeit bewiesen. Doch langsam setzt sich die digitale Übermittlung durch. Über die Telematikinfrastruktur können Arztbriefe heute sicher und verschlüsselt von Praxis zu Praxis gesendet werden – schneller, zuverlässiger und ohne Medienbruch.
Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte wird der Arztbrief perspektivisch direkt in der digitalen Akte des Patienten gespeichert. Das bedeutet: Alle behandelnden Ärzte, die der Patient dazu berechtigt, können auf den Brief zugreifen – ohne Wartezeit, ohne Postverlust, ohne unleserliche Faxkopien. Für die Vorsorgeuntersuchung oder den regelmäßigen Gesundheitscheck beim Hausarzt bedeutet das mehr Effizienz und bessere Grundlagen für fundierte Entscheidungen.
Der Arztbrief mag unspektakulär wirken. Aber er ist das Rückgrat der medizinischen Kommunikation – und ein entscheidender Faktor für die Qualität der Patientenversorgung.




